Kettenwachs statt Kettenöl? Warum ich mein eigenes Wachs entwickelt habe

Als ich angefangen habe, mich intensiver mit Kettenwachs zu beschäftigen, hatte ich nicht vor, eine eigene Marke zu gründen. Ich wollte einfach nur eine saubere, alltagstaugliche Lösung für meine eigenen Räder.

Damals hatte ich noch kein Studio. Ich habe in meinem Wohnzimmer geschraubt. Zwischen Couch und Esstisch. An meinen Projekträdern, an Restaurationsobjekten und an den Bikes von Freund*innen. Und wer einmal versucht hat, eine ölverschmierte Kassette auf Parkettboden zu reinigen, weiß sehr schnell, warum mich das Thema nicht mehr losgelassen hat.

Was mich am meisten gestört hat, war nicht einmal der Dreck am Rad selbst. Es war der Wartungsaufwand. Kettenöl schmiert zuverlässig, keine Frage. Aber es bleibt feucht. Es zieht Staub und Sand an, der Abrieb passiert wie mit Schmirgelpaste. Außerdem entsteht mit der Zeit diese schwarze Paste, die sich in Kassette, Schaltwerk und Kettengliedern festsetzt und mir regelmäßig irgendwas dreckig gemacht hat. Du glaubst gar nicht, wie viele Paare Socken ich wegwerfen musste und wie oft ich seltsame schwarze Striche auf dem Parkettboden hatte. Diese Paste gehört weder ins Wohnzimmer noch in einen effizienten Antrieb.

Nunja, ich wollte wissen: Geht das auch anders?

Kettenwachs statt Kettenöl?

Der Gedanke an Kettenwachs war naheliegend. Trockene Schmierung. Weniger Dreckbindung. Selbstreinigende Eigenschaften. Klingt gut. Doch dann kam die Praxis. Heißwachs ist technisch eine hervorragende Lösung. Aber es bedeutet: Kette demontieren, Kocher aufstellen, Wachsbad vorbereiten, reinigen, trocknen, eintauchen, abkühlen lassen, wieder montieren. Für ein einzelnes Rennrad mag das sinnvoll sein. Für meine vielen Projekträder, Fremdräder und Restaurationsobjekte war das schlicht zu viel Aufwand.

Ich hatte unterschiedliche Schaltungen, unterschiedliche Ketten, ständig wechselnde Setups. Ich wollte keine Werkstatt-Routine mit Kocher etablieren. Schon gar nicht in meiner Küche zwischen Toaster und Saftpresse. Ich wollte eine einfache Lösung. Aus dieser Haltung ist später mein Motto entstanden: Kettenwachs für Faule

Wie ich beim Thema Kettenwachs tiefer eingestiegen bin als geplant

Was als Neugier begann, wurde schnell ernst. Ich habe angefangen, selbst zu testen. Über einen langjährigen Freund aus der Chemiebranche bin ich tiefer in die Materie eingestiegen. Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich über Emulsionen, Partikelgrößen und Viskositäten diskutiert habe.

Ich habe mit Chemiefirmen telefoniert. Ich habe Angebote bekommen, bei denen ich als kleiner Abnehmer nur 20-Liter-Fässer hätte bestellen können. Und ehrlich gesagt habe ich das ein paar Mal auch gemacht. Ich wollte es wissen, war "drin". So ein Fass ist echt schwer, by the way... Ich hab dann über Haltbarkeit in der Flasche, Festigkeit nach der Trocknung und mögliche Zusätze gesprochen, Dinge über die ich vorher noch nie nachgedacht hatte. Und ich habe Fehler gemacht.

Manche Mischungen waren zu dünnflüssig und liefen beim Auftragen überall hin. Andere waren instabil. Wieder andere hielten im Regen nicht durch. Und ja, einige Versuche waren teuer. Aber ich wollte es wissen.

Der Härtetest: Schlamm, Regen und die WWBT 2024

2024 habe ich an der Westfalen Winter Bike Trophy teilgenommen. Eine Offroad-Serie im Frühjahr. Und dieses Frühjahr war ein einziges Schlammfeld.

Für mich war das das perfekte Testlabor. Sonntags gefahren. In der Woche eine neue Mischung aufgetragen. Beim normalen Training im Radclub beobachtet. Am nächster Sonntag wieder Belastungstest. Wenn ein Kettenwachs bei Regen, Matsch und Offroad-Bedingungen funktioniert, dann funktioniert es.

In dieser Phase habe ich auch viel geflucht. Aber genau dort ist das entstanden, was heute REEEM ist. Nicht am Schreibtisch, sondern im Dreck. Wie sich das gehört. 

Warum ich mich für ein wasserbasiertes Flüssigwachs entschieden habe

Mein Anspruch war klar: Ich wollte ein Kettenwachs, das sich einfach auftragen lässt, in der Flasche stabil bleibt und keine öligen Zusätze enthält.

REEEM ist eine wasserbasierte Emulsion mit festen Wachspartikeln im Mikrobereich. Dadurch bleibt das Produkt flüssig, lässt sich präzise dosieren und bildet nach dem Trocknen eine feste, trockene Wachsschicht auf der Kette.

Es enthält keine Öle oder Fette. Es enthält keine umweltschädlichen Additive. Und es klumpt nicht in der Flasche, solange man sie normal verschließt. Mir war wichtig, dass es eine saubere Lösung ist. Im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

Ist Kettenwachs besser als Kettenöl?

Diese Frage bekomme ich fast täglich. Und die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an.

Wenn du das letzte Quäntchen Leistung suchst, also minimale Reibungswerte im Labor, dann gibt es Lösungen, die noch weiter gehen. Sehr gutes Heißwachs. Spezielle PTFE-Sprays. Hochwertige Rennöle. Diese Systeme können im absoluten Grenzbereich Vorteile bringen.

Aber sie bringen auch Nachteile. Umweltbelastung. Dreckbindung. Wartungsaufwand. Kettenwachs ist für alle, die es sauber, einfach und alltagstauglich wollen. Der Antrieb bleibt deutlich sauberer. Die Hände bleiben sauberer. Die Reinigung wird so gut wie überflüssig. Der Preis dafür ist, dass man je nach Fahrprofil etwas häufiger nachwachsen muss als beim klassischen Kettenöl.

Wie sich Kettenwachs bei Regen und im Alltag verhält

Wachs ist selbstreinigend. Es bindet Dreckpartikel, kapselt sie ein und stößt sie beim Fahren wieder ab. Das führt dazu, dass sich kleine Krümel bilden. Das ist kein Fehler, sondern Teil des Systems.

Bei Regen wäscht sich Wachs schneller ab als im Trockenen. Das ist normal. Wer regelmäßig bei Nässe fährt, sollte entsprechend häufiger nachwachsen. Das gehört dazu.

Wenn ein Pendler-Rad stundenlang im Dauerregen draußen steht, kann es bei manchen Ketten zu Flugrost-Bildung kommen. Das ist vergleichbar mit Bremsscheiben am Auto. Optisch unschön, technisch meist unkritisch. Ich spreche das bewusst an, weil ich keine falschen Erwartungen wecken möchte. Ein Wundermittel gibt es auf dem Kettenschmier-Markt noch nicht. Ich halte weiter die Augen offen.

Für wen Kettenwachs sinnvoll ist – und für wen nicht

Kettenwachs funktioniert nur dann gut, wenn man das System versteht. Wer nicht gründlich entfettet, bevor er oder sie von Kettenöl auf Wachs umsteigt, wird Probleme bekommen. Wer nie nachwachst, wird ebenfalls keine Freude haben.

Solltest du einfach Lust haben, die Dinge mal anders zu machen und dein Bike mehr zu fahren, als zu säubern, dann könnte REEEM genau das Richtige für dich sein. Du musst dich eigentlich nur einmal mit deinem Antrieb beschäftigen, danach gibt es keine schwarzen Hände und keine Abdrücke auf Hose oder Wade mehr. 

Solltest du aber komplett überzeugt von Öl sein und dich akribisch um dein Rad kümmern, dann lade ich dich nur ein, mal eine Alternative zu testen. Ich will niemanden bekehren.

Mein Studio in Bochum

Heute hat REEEM seinen Sitz in meinem Studio in Bochum. Es ist Büro, Lager, Creative-Space und Bikefitting-Raum in einem. Wer es betritt, stößt meistens ein überraschtes "wow cool" aus und dann huscht mir ein kleines, stolzes Lächeln übers Gesicht. Radfahren und Fahrräder sind für mich mehr als nur Sport und Technik. Ich schraube dort fast täglich, habe eine fast komplett ausgestattete Werkstatt und sehe echte Probleme an echten Rädern. Das zeigt mir, dass dieses wunderbare Gerät Fahrrad uns so viel geben kann, aber auch eine ganze Portion Liebe benötigt (und verdient!). Diese Liebe in Form von Wartung und Pflege möchte ich so einfach wie möglich machen. Frei nach meinem Motto #celebrateyourridetime - und ich bekomme regelmäßig Nachrichten mit Fragen zu Kettenwachs, Kettenöl, Regenverhalten oder eBike-Tauglichkeit meines Produkts, die häufig auch zu Bike-Nerd-Talk eskalieren. Was soll ich sagen, ich liebs!

Fazit: Keine Revolution nur einfacher

Ich habe nicht angefangen, Kettenwachs zu entwickeln, weil ich eine Marktlücke gefunden hatte. Ich wollte nur eine Lösung für meinen eigenen Wartungsaufwand im Wohnzimmer. Ich bin tiefer in das Thema eingestiegen, als ich es geplant hatte. Habe getestet, geflucht und investiert. Am Ende hatte ich "plötzlich" ein echtes Produkt, das ich selbst fahre und hinter dem ich stehe.

Kettenwachs ist kein Zauber. Es ist ein System. Wenn man es richtig anwendet, wird der Antrieb sauberer und einfacher zu pflegen und es bleibt mehr Zeit fürs Radfahren. Win-Win-Win würde ich sagen :)

LG

Ben von REEEM 


FAQ: Kettenwachs, Kettenöl und Umstieg

Warum ist eine gewachste Kette oft etwas lauter als eine geölte?

Öl dämpft Geräusche stärker, weil es als „nasse“ Schmierung dauerhaft feucht bleibt. Wachs ist ein Trockenschmierstoff. Dadurch kann die Kette etwas hörbarer sein, bleibt aber deutlich sauberer und bindet weniger Dreck.

Wie lange hält Kettenwachs?

Bei Idealbedingungen kannst du grob mit etwa 250 km rechnen. Real hängt es stark von Nutzungshäufigkeit, Dreck, Wetter, Kettenlänge und Schaltgruppe ab. Wenn die Kette lauter wird oder sich trockener anfühlt, ist es Zeit zum Nachwachsen.

Wie verhält sich Kettenwachs bei Regen?

Bei Nässe wäscht sich Wachs schneller ab als im Trockenen. Dafür bleibt der Antrieb meist sauberer, weil Wachs weniger Schmutz bindet. Nach nassen Fahrten hilft es, zeitnah nachzuwachsen.

Muss ich für den Umstieg von Öl auf Wachs alles entfetten?

Ja. Für einen sauberen Start muss der Ölfilm runter, sonst verbindet sich das Wachs nicht optimal. Das betrifft Kette, Kassette, Kettenblatt und Schaltwerk. Danach läuft das Wachssystem stabil.

Ist Kettenwachs für eBikes geeignet?

Ja. Der Hinweis „auch für eBikes geeignet“ bedeutet, dass das Wachs mit dem höheren Drehmoment eines Motors klarkommt, sofern der Antrieb sauber vorbereitet ist und regelmäßig nachgewachst wird.

 

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